Deep Dive: Patrick Köppchen
Die Sonne brennt mit mehr als 30 Grad in die Münchner Innenstadt - gefühlt sprechen wir von einer Kernschmelze. Nicht mal ein angetäuschtes Lüftchen fegt durch die Gassen „am Platzl“, während wir den Eingang des Hutmachers für ein Eishockey-Interview suchen. Wie ironisch willst du die Vorzeichen für dieses Treffen gestalten, Erik?

(Foto: Michael Pointvogel)
Zwischen dem Hard Rock Café, einem Irish Pub und der 17. Starbucks Filiale im Umkreis von 750 Metern geht es durch eine schmale Gasse zur Hutmanufaktur „Fatzke“. Beim Betreten des rough wirkenden Stores sitzt Ex-Nationalspieler und Sky-Experte Patrick Köppchen an seiner Nähmaschine und dreht – wie er es nennt – „noch eine Runde“ mit Nadel und Garn. Das Erste, was mir auffällt ist die 1000-Spiele-Milestone-Playercard, die zwischen Schnittmustern und Stoffresten herausragt und sie ist das perfekte Sinnbild für alles, was uns die nächsten drei Stunden erwarten sollte. Unsere Unterhaltung wird zum Potpourri des ersten Schnürens von Schlittschuhen, der Einstellung zum Spo… eigentlich viel mehr zum Leben und Anekdoten, nach denen Autoren sich die Finger lecken würden. In einem Moment geht es darum, dass auch ein Alice Cooper zu warten hat, bis hinter dem morgendlichen Sport ein Haken ist und im nächsten erfahren wir, wie Steffen Ziesche und Thomas Popiesch an einem jungen Patrick Köppchen die ersten Hebel für ein echtes Eishockey-Original bedient haben. „Die haben da auf mich eingewirkt, da hab´ ich halt auch nich´ nachgefragt. Das sind zwei Veteranen, die wissen, was sie sagen“.
Die erst vor zwei Tagen 45 Jahre alt gewordene Realversion des Hutmachers – den Geburtstag hätte ich rückblickend wohl gern eher gewusst – ist einer, für den die Bezeichnung „Typ“ einst eingeführt wurde! Einer, dem egal ist, was Hintz und Kuntz von seinen manikürten Händen halten. „Mir gefällts halt“. Und ganz ehrlich? Selten haben manikürte Hände mehr nach Terpentin, Rauch und Feuer ausgesehen. Klare Kante, ehrliche Worte, gerade raus. „Ich hab´ zu einem jungen Spieler gesagt „komm wir machen noch ne Runde Kraft“ und er meinte „ich kann nicht, meine Freundin holt mich ab“. Na, dann mach wie du willst. Ich will dir ja nix böses, ich will dir ja nur helfen. Entweder willst du was werden oder nich´“. Rumms! Was ein Volltreffer! Mit diesem Zitat schleudert es mich mit dem DeLorean 20 Jahre zurück, Bilder flackern auf, ich erinnere mich an Entscheidungen, die ich bis heute immer wieder hinterfrage und schon hakt die Parallele ein. „Die eine Entscheidung, die ich vielleicht bereue: Da kamen schon Anfragen vom College aus Boston und Massachusetts und ich war aber sofort bei „Nein, ich geh nie wieder in die Schule““. Das zweite Zitat beißt das Erste? Keinesfalls! Es sind die Erfahrungen, die wir alle machen und der Generation, die nachkommt, helfen könnte – wenn sie es denn möchte.
Während wir meinen Kopf für meinen Hut vermessen, tauchen wir tiefer ab und kommen auf eine Ebene mit noch mehr Meinung, die zu keinem Zeitpunkt unseres Besuches auch nur darüber nachgedacht hat, sich zu verstecken. Es geht um Ist-Zustände, die nicht jedem klar sind. „Das muss mancher immer wieder mal verstehen. Das ist ein unfassbares Privileg, dass du dieses Hobby ausüben darfst und dafür noch bezahlt wirst.“ Ich habe diesen Satz in meiner Zeit in der Eishockeywelt unzählige Male gehört, doch selten hat er mich so getroffen. Er wirkt ehrlich, hat einen reflektierten Charakter. Eine Bremse im gesprochenen Wort gibt es auch dann nicht, wenn es um das eigene Verhalten geht: „Ich war ja auch ein Choleriker. Einmal hab´ ich in einem Wechsel drei Schläger zerdeppert und dann hieß es schon „das war jetzt viel Geld, vielleicht müssen wir dir jetzt doch mal was in Rechnung stellen.“ Wer austeilt kann auch einstecken.
Mit der zweiten Getränkerunde vom Nachbarn – man kennt sich – wird es tiefgründiger und spätestens ab diesem Zeitpunkt fühlt sich hier nichts mehr nach einem Interview an. Es ist, als hätten sich hier einfach drei Jungs getroffen, die ein bisschen zündeln und philosophieren. Jungssachen eben. Was fehlt für den gelungenen Abend? Die Gänsepelle auf der Haut. Sie kommt mir mit Patricks Erinnerung an die Arbeit mit einem Mentaltrainer, der die - in einer langen Karriere natürlich mal auftretenden - Motivationsprobleme einst pulverisierte. „Stell dir vor, heute kommt der Familienvater zum Spiel, der auf dem Bau arbeitet und nicht viel Geld übrighat. Heute will er seiner Familie mal ein Eishockeyspiel gönnen, einfach einen tollen Abend. Und da würdest du entscheiden „heute performe ich nicht, heute habe ich keine Lust““. Schreibt euch das irgendwo auf und lest es euch von Zeit zu Zeit durch. Selbst auf den platten und gewöhnlichen Alltag runter skaliert gibt diese Sichtweise so viel Klarheit.
Zum Abschluss des Abends kommen wir zum Ende einer beeindruckenden Karriere. „Nach dem Spiel in Augsburg hab´ich mich dann nochmal allein abseits gesetzt und ein paar Tränen vergossen, weil ich wusste, da ist mehr passiert.“ Das Grande finale eines Abends, von dem ich mir viel versprochen habe und nochmal deutlich mehr mitnehmen durfte – inklusive eines Huts. Well done! Patrick Köpp(f)chen ist genau einer dieser Typen, dieser Originale, die diesen Sport besonders machen. Wie einst der Alpenvulkan, der seiner Zeit als bedeutende Figur auf unseren Hutmacher einwirkte. „Wer mich am meisten geprägt hat und für meinen Werdegang wichtig war, war Hans Zach. Ich habe ihm ganz viel zu verdanken. Dass ich auch so geworden bin, wie ich heute bin.“ Diese Persönlichkeiten sind gewiss nicht mit in den digitalen Wahnsinn marschiert, geben ihre Werte und Erfahrungen an Orten weiter, die kein tägliches Millionenpublikum erreichen. Doch sie haben so viel zu geben, dass es sich lohnt ihre Bühnen zu finden. Diese ist am Platzl, zwischen einem Hard Rock Café, einem Irish Pub und der 18. Starbucks-Filiale im Umkreis von 650 Metern.
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Erik Pannach





