Was ist da passiert?
Disclaimer zum Anfang des Blogs: Die folgenden Zeilen werden weder journalistisch noch sprachlich in irgendeiner Form wertvoll sein. Es schreibt ein emotionaler Eishockeyfan. Mit einem Herz voller Dankbarkeit für die letzten beiden erlebten Wochen.

(IMAGO / Newspix24)
Ich beginne dieses Word-Dokument mit feuchten Augen. Auf Twitter hat uns gerade eine Nachricht erreicht. „Durch euch habe ich meine Liebe zum Eishockey gefunden, großes Dankeschön dass ihr uns immer auf dem laufenden haltet. Macht gerne weiter so!“, schrieb Twitter-Nutzer Bennet Marschner. Boom. Mitten ins Herz. Das – und GENAU das – war der Grund, warum wir den Eisblog vorletzten Spätsommer ins Leben riefen und letzten Sommer professionalisierten. Wir wollten dem Eishockeyfan eine Plattform geben, auf der er Erlebnisse wie die der letzten Weltmeisterschaft feiern kann und andere Menschen von diesem Sport begeistern.
Das Ende dieser WM fühlt sich auch an wie das Ende der Saison 2022/23. Ja, die NHL Playoffs laufen noch und werden natürlich weiter behandelt, dennoch setzt das Turnier des DEB-Teams den Schlusspunkt auf eine geile deutsche Spielzeit, die zuvor mit Rosenheim ein Schwergewicht zurück in die DEL2 hievte, mit Peter Russell eine DER Geschichten der letzten Jahre schrieb und in München einen würdigen Don-Jackson-Abschied lieferte.
Ihr habt die WM-Spiele alle gesehen, deshalb möchte ich darauf gar nicht mehr explizit eingehen. Am Morgen nach dem Silbermedaillen-Gewinn trennte sich das Team im Hotel in Tampere und stieg in die unterschiedlichen Flieger gen Heimat. Wir empfingen den größten Teil mit mehreren Hundert anderen Fans und Medien am Flughafen München und stellten einigen Silberhelden dieselbe Frage: „Wie fühlt es sich an?“ Das Wort, das sich in der jeweiligen Antwort durchzog: Unglaublich. Und genau das war und ist es auch. Die Enttäuschung, die unmittelbar nach dem 2:5 der Kanadier eintrat ist größtenteils verflogen. Wir möchten euch exemplarisch einige Geschichten der Jungs erzählen, die wir getroffen haben.
Da wäre zum einen Wojtek Stachowiak. Ein Verlierer der Saison und gleichzeitig einer der größten Gewinner. Angesprochen auf WM- und DEL-Silber lachte der sympathische Stürmer nur ein „Boah, es tut beides weh. (...) Wie viel Pech kann man haben?“ heraus. „Aber in ein paar Tagen werde ich stolz sein, dass ich diese Medaille tragen konnte.“ Stachowiak stellte gemeinsam mit Tuomie und Schütz eine der effektivsten und gleichzeitig überraschendsten Reihen des Turniers. „Wir haben uns in der Kabine richtig gut verstanden und wussten auch, dass wir uns auf dem Eis verstehen werden. Wir haben nicht wirklich nachgedacht, was wir auf dem Eis tun sollten, sondern wollten einfach gemeinsam auf dem Eis Spaß haben. Am Ende hat’s geklappt und die Chemie war da. Ich habe mich auf jeden Fall gefreut und es war mir eine Ehre mit den beiden zu spielen.“ Bromance-Alarm, das merkt man auch bei Reihenkollege Schütz, der laut eigener Aussage in der Nacht vor dem Abflug nicht geschlafen hat. Klar, der Flieger ging ja auch früh und zu feiern gab es auch einiges. Realisiert habe er den Erfolg bereits in der Kabine nach dem Spiel. „Als wir alle in der Kabine zusammen waren und auch Harry (Kreis, Nationaltrainer a.d.R.) ein paar Worte gesagt hat. Dann haben wir gewusst, dass es schon was Geiles ist, was wir da geholt haben.“ Recht hat er.
Apropos Harry Kreis. Lieber Nationalcoach, wir schulden Ihnen eine Entschuldigung. Was wurde die Kaderzusammenstellung nicht kritisiert – auch von uns. Der neue Trainer hat uns eine wichtige Lektion gelehrt: Vertrauen. Angesprochen auf sein WM-Debüt als deutscher Nationaltrainer stocken ihm kurz die Worte. „Ja, das ist so etwas, was man nicht planen kann. Die Mannschaft hat sehr hart gearbeitet, sehr diszipliniert gearbeitet und an sich geglaubt. Sie hatten viel Vertrauen ineinander und wir freuen uns riesig über diese Silbermedaille.“ Disziplin-Fanatiker Kreis freue sich nun erstmal auf ein paar ruhige Tage, wie er selbst sagt. „Ich freue mich jetzt erstmal auf einen ungeregelten Tag. Wir haben in der Nationalmannschaft ja immer feste Zeiten und ich werde mir jetzt sicher ein paar Tage frei nehmen und dann das Turnier nochmal aufarbeiten“, so der 64-Jährige, der sich übrigens für jeden einzelnen Fotowunsch Zeit nahm. Die Fans durften sogar die Silbermedaille überziehen. Gentleman.
Für die Münchner Jungs war es eine besondere Saison. Auf den DEL-Titel folgt der größte WM-Erfolg einer deutschen Mannschaft seit 70 Jahren. „Am Ende sind wir völlig zurecht im Finale gelandet“, gibt ein erstaunlich routinierter Maksy Szuber zu Protokoll. „Es kam auf einen Schlag. Von Tag zu Tag wurde es besser und jetzt ist es vorbei. Jetzt kann ich endlich richtig feiern“, erzählt Filip Varejcka. Prost! Maxi Kastner, DEL-Meister, DEL-Playoff-MVP und WM-Silbermedaillen-Gewinner (uff), freut sich auf ein paar Tage mit der Familie und den Freunden – und nicht zuletzt auf ein Wiedersehen mit den US-Boys Blum und Ortega bei den Red Bulls. Angesprochen auf den Halbfinal-Sieg gegen die Amerikaner und mögliche empfangene Nachrichten sagt Kastner: „Bisher noch nicht so viel, aber denen werde ich’s natürlich noch reindrücken und auch während der Saison nicht vergessen lassen.“
Auch Dominik Kahun und JJ Peterka nahmen sich gerne die Zeit mit uns zu sprechen. „Jetzt, wenn man so ein bisschen reflektiert und den Empfang hier sieht, ist es einfach nur unglaublich. Wir können super stolz auf uns sein als ganzes Team“ (Peterka) und „Wie sich die Mannschaft entwickelt hat mit dem Zusammenhalt und dem „Fürs-Team-spielen“ war wirklich wieder einzigartig, das haben wir uns verdient“ (Kahun) kamen aus dem Schwärmen kaum mehr heraus, richteten den Blick aber auch schon auf kommende Saison. Kahun möchte mit Bern die sechste Medaille seiner Karriere holen, JJ Peterka „mehr Eiszeit bekommen, mehr Verantwortung im Team übernehmen und einfach von Tag zu Tag besser werden. Natürlich (...) in Buffalo auch die Playoffs schaffen“. Warum nicht nach dem größten Erfolg der Karriere direkt die nächsten großen Ziele jagen.
Durch den WM-Coup ist Deutschland in der Weltrangliste auf Rang fünf vorgerückt. Hinter Schwarz-Rot-Gold stehen nun Nationen wie Schweden oder die Schweiz. Wow. Das bescherte vorläufig auch eine vermeintlich leichtere Gruppe für die WM 2024 in Tschechien. Wir freuen uns jetzt schon drauf. Mit vollem Vertrauen in Harry Kreis. Eishockey ist sexy. Danke, Jungs.
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Interviews: Moritz Mühlbauer
Text: Simon Rentel





