Deep Dive: Stephan Gottwald

Wilde Zeiten sind das. Keine Ahnung, seit wann ich das schon sage, aber zwischen Merch-Drops, Olympia und dem üblichen Wahnsinn ist ein Ausflug ins oberbayerische Rosenheim mit einem Wellness-Trip gleichzusetzen. Wobei - Vlog UND Deep Dive in fünf Stunden? Jetzt wird´s aber ambitioniert meine Herren. In der Hoffnung, dass Simon und Pointi wissen, was sie da tun, geht´s Sonntagmittag los. Es hat was von Frühling, wie die Sonne über die Mangfall ins ROFA-Stadion bricht und das erste Händeschütteln zwischen uns und Stephan Gottwald in Szene setzt. Soll heißen, noch bevor unser heutiger Gast uns in rund 20 Minuten den Atem stocken lässt, ist das Setting eine 10/10 und wird vom Zitat aus dem Umfeld „das ist schon eins der schönsten Stadien in der DEL2“ begleitet. Joa, könnte so stimmen. 

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(Foto: Michael Pointvogel)

Präsentiert von SIGNAL IDUNA Bezirksdirektion Jochen Schürmann

„Eishockey ist eine Sucht. Wenn ich jetzt noch was für die Kinder zurückgeben kann – umso besser“

Stephan Gottwald ist heute 42 Jahre alt, beendete seine Karriere vor elf Jahren auf dem Level „Vereinslegende“ und ist heute einer von vier Vorständen der Starbulls. 42 Jahre alt und seit elf Jahren aus den Schlittschuhen raus? Wie passt das denn zusammen? „Man muss sich schon Gedanken machen, was man nach der Karriere machen will. (…) Ich hab´ mich mit der Polizei beschäftigt, beworben, den Test bestanden und wurde sofort genommen. (…) mir war dann auch einfach das Risiko zu groß, dass noch eine schwere Verletzung kommt.“ Zwei Jahre fehlen Stephan zur reinen grün-weißen Karriere. Was kam dazwischen? „Zu diesem Zeitpunkt war Rosenheim in der Bezirksliga. Deswegen bin ich nach Bad Aibling gewechselt. Die waren in der Oberliga. Und dann ging´s nach Heilbronn mit Förderlizenz Düsseldorf. Das war ein riesiger Schritt, aber so ist das damals halt zustande gekommen.“ Wir alle erleben so furchtbar viel im Leben, doch nur Wenige ziehen die richtigen Schlüsse daraus und noch weniger versuchen dann sogar etwas für die nachfolgende Generation zu verbessern. Gotti zählt zur letzten Kategorie und antwortet auf die Frage, ob er auch wegen seiner Erfahrungen etwas verändern will: „Absolut! Wir müssen es schaffen, dass wir Spieler, die mit drei, vier Jahren hier anfangen Eishockey zu spielen, so lange wie möglich halten können und den Sprung in die erste Mannschaft schaffen.“

„Es gibt für einen Rosenheimer nichts Größeres, als das C für die Starbulls auf der Brust zu tragen“

„Meine prägendste Saison war die, als wir gegen Landshut im Finale waren“. Während wir Off-Mic dem Rosenheimer Lieblingsfeind Komplimente zu einem herausregenden Kamil Toupal vergangener Jahre machen, kommt mit diesem Zitat die nächste Erkenntnis. Ein reflektierter Mann, der die Starbulls selbst einst zum Sieg des DEB-Pokals schoss, nennt als größtes Karriere-Highlight eine Final-Niederlage gegen den EVL. Wie sehr musst du deine Farben lieben, um diese Ereignisse so einzuordnen? Biegen wir wieder ins Zentrum ab, ins Herz von Stephan Gottwald, in die Arbeit mit den Kindern. „Ich will es schaffen, dass auch mein Sohn erleben darf, was ich erlebt habe, und das ist professionelle Nachwuchsarbeit“. Ich habe in den letzten Jahren nochmal besser den Unterschied zwischen Reden und Machen kennengelernt. Wenn ich am 31.12. vom straffen Fitnessplan spreche, ist das Reden. Wenn Stephan vom Weichen stellen im Rosenheimer Nachwuchs spricht sind das „sechs hauptberufliche Trainer, ehemalige ehrenamtliche Spieler, die mit aufs Eis gehen, 250 Kinder – Tendenz steigend - und 48 Laufschüler“. Vielleicht ist euch gar nicht bewusst, welche Dimensionen wir damit erreichen, aber vier hauptberufliche Trainer erfüllen bereits die Anforderungen für einen Fünf-Sterne-Standort. 

„Wir wollen Menschen und Athleten ausbilden, keine einfachen Sportler für die DEL." 

Der Peak der Unterhaltung trifft uns wie ein Schlag ins Gesicht und macht auch uns wieder bewusst, was unser Tägliches „sich Zerreißen“ bewirken kann. Die harmlose Abschlussfrage: Ist es wichtiger sportlich oder menschlich zu entscheiden? „Menschlich! Wir wollen Menschen und Athleten ausbilden, keine einfachen Sportler für die DEL. Wir wollen den Kindern was mitgeben“. Alright, danke Gotti! Eigentlich würden wir jetzt nur noch ein bisschen durch das Stadion streifen und Fotos machen, doch eine Sache will er noch loswerden. „Wisst ihr eigentlich, dass ihr mit eurer Vorsorgefolge indirekt mein Leben verändert habt?“ Er spielt dabei auf unsere Movember-Folge mit Reinhard Rode an und weiht uns ein, dass er direkt nach dem Hören einen Termin ausgemacht hat und noch am gleichen Abend im OP lag. Allein beim Tippen dieser Worte bekomme ich Gänsehaut an Körperstellen, von dessen Existenz ich nicht mal wusste. Auch die allerkleinste Entscheidung kann manchmal ein ganzes Leben bedeuten. Heute ist alles gut – und das ist wichtig. Für Gotti, seine Familie und nicht zuletzt den SBR. 

Was ich aus diesem Gespräch mitnehme, ist das klare Gefühl, dass die Starbulls sich glücklich schätzen können eine solche Persönlichkeit in ihren Reihen zu wissen. Oder vielleicht formuliere ich es anders: Hätte ich einen Eishockeyclub, hätte ich ruhigere Nächte mit dem Wissen einen Gotti zu haben. 
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Erik Pannach