Fragezeichen und Scoutingzettel

Jemand steigt auf die Bühne, tritt hinter das Podium, spricht deinen Namen aus und dieser eine Moment bestimmt mindestens die nächsten drei Jahre deines Lebens. Ob du diese Jahre im Trubel von New York, an den Stränden von Kalifornien oder im gefühlten Niemandsland von Alberta oder Manitoba verbringst, entscheidet sich binnen Sekunden. Das klingt absurd, ist aber die Realität der vielen jungen Prospects, die hoffen, diese Woche im Rahmen des NHL Entry Drafts ihren Namen zu hören.

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(Foto: IMAGO/ZUMA Wire)

Ein Name, der sinnbildlich für den diesjährigen Draft in Nashville steht, ist der des Ausnahmetalents Connor Bedard. Dass Bedard an erster Stelle von den Chicago Blackhawks gezogen wird und so zum Teamkollegen (und vielleicht sogar Linemate) von Lukas Reichel wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Viel spannender wird der Draft auf den Plätzen hinter Bedard. Dort hat sich nämlich eine Vierergruppe gebildet, welche durch ein großes Fragezeichen ergänzt wird. Aber zunächst die Vierergruppe: In dieser findet man mit Fantilli, Carlsson und Smith gleich drei Center, zu welchen sich mit Benson ein Flügelspieler gesellt. Viele Experten heben an dieser Stelle Fantilli besonders hervor und sehen ihn als den Spieler, der nach Bedard die Bühne betreten darf.

Nicht außer Acht gelassen werden sollte jedoch die Tatsache, dass mit den Anaheim Ducks an zweiter Stelle ein Team pickt, welches auf der Center-Position bereits sehr gut besetzt ist. Hier kommt nun der beste deutschsprachige Spieler dieses Drafts ins Spiel. David Reinbacher ist neben dem Schweden Sandin-Pellikka der beste Verteidiger, der den Teams zur Auswahl steht. So ist es zumindest nicht komplett auszuschließen, dass die Ducks einen der beiden bereits an zweiter Stelle wählen, um ihre bröckelige Verteidigung für die Zukunft zu stärken. Zudem besteht auch die Möglichkeit, den zweiten Pick für weitere Picks zu tauschen und so erst an späterer Stelle einen Verteidiger zu wählen. Überraschungen gibt es immer, erstrecht am Draft Day.

Erinnert ihr euch noch an das große Fragezeichen, welches neben der Vierergruppe am Tisch sitzt? Es hört auf den Namen Matvei Michkov, steht in der KHL bei St. Petersburg unter Vertrag und gilt spielerisch als der zweitbeste Spieler seines Draftjahrgangs. Seine Nationalität und sein noch bestehender Vertrag in der KHL können jedoch dafür sorgen, dass Michkov einige Plätze fällt. Hier kommt jedoch erneut Anaheim ins Spiel. Der General Manager der Ducks, Pat Verbeek, stammt aus der Management-Schule des Steve Yzerman, welcher selbst vor nicht allzu langer Zeit damit überraschte, als er Moritz Seider bereits an sechster Stelle wählte. Wenn also jemand für eine Überraschung sorgen könnte, dann Verbeek!

Ein Kaliber wie Moritz Seider hat der deutsche Nachwuchs in diesem Jahr leider nicht zu bieten. Die größten Chancen ausgewählt zu werden hat wohl Arno Tiefensee, welcher sich mit seinen Leistungen für die Adler in der letzten Saison sicher wieder ins Blickfeld einiger NHL-Scouts gefangen hat. Dahinter, aber schon mit wesentlich geringeren Chancen, folgen Kevin Bicker und Linus Brandl, welche zuletzt für die Jungadler auf dem Eis standen, für die neue Saison aber DEL-Verträge bei anderen Teams unterschrieben haben. Ein Spieler, über den man wenig liest, der sich aber auch ein wenig Hoffnung machen dürfte, ist Norwin Panocha. Der Verteidiger überzeugte letzte Saison sowohl im Nachwuchs der Eisbären als auch mit der U18-Nationalmannschaft und kam so auch schon zu Einsätzen in der DEL und für die Lausitzer Füchse in der DEL2. Und wer weiß, vielleicht findet ja der ein oder andere Scout auch noch die Namen „Bennet Roßmy“ oder „Julius Sumpf“ auf seinem Zettel.

Das kommende Wochenende wird so sicher wie ein Ü-Ei, nämlich voll mit Überraschungen. Also alle Augen auf den Broadway in Nashville, wo im Anschluss an den Draft direkt vor den Toren der Arena die Draft Picks gefeiert werden können!
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Paul Modebach