Deep Dive: Marco Niewollik
Raus aus den Federn, schnell ’nen Kaffee ziehen und ein Spaziergang unter den ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres. So sieht bei mir ein freier Februar Tag aus. Vor zwei Wochen musste ich mich hart hinterfragen. Weiß ich diese selbstverständliche Freiheit ausreichend zu schätzen? Fast jeder hat die Floskel „Es gibt Momente im Leben, die alles verändern“ schon viele Male benutzt. Aber haben wir sie wirklich verstanden?

(Foto: Michael Pointvogel)
Am 2. Februar 2025 ist Marco Niewollik 20 Jahre alt und von seinem Heimatverein, den Augsburger Panthern, per Förderlizenz an den EC Peiting verliehen. Rund um die 50. Minute legt sich ein schwarzer Schleier über das Leben eines jungen Menschen. Und er verflüchtigt sich erst nach monatelangem Zittern und Kämpfen. Glaubt mir, ich habe es versucht. Ich wollte mich für nur einen Augenblick in Marcos Lage zu versetzen. Doch die Wahrheit ist: Ich habe doch keine Ahnung.
„Ich denke, Eishockey ist der schönste Sport der Welt. Du hast viele Einzelathleten, die am Ende nur als Familie funktionieren. Es ist ein Privileg, diesen Nervenkitzel zu spüren, während du unter hoher Geschwindigkeit die Menschen auf den Rängen begeistern darfst.“ Ich tippe dieses Zitat ein und bekomme Gänsehaut. Vielleicht hätte Marco diese Worte auch zur Zeit seiner ersten Schritte im Profibereich gewählt. Doch er wählt sie nach Monaten des Zitterns, der Angst und vor allem der Ungewissheit. Ich finde nur schwer logische Erklärungen dafür. Wie gelingt es einem, sich diese Einstellung durch eine Zeit existenzieller Ängste zu bewahren? Vielleicht braucht es keine Antwort darauf, es beeindruckt mich aber nachhaltig.
Wir alle kennen die Bilder jenes Schicksalsabends. Doch mal ehrlich: Unsere Vorstellungskraft reicht nicht aus, um uns wirklich in seine Lage zu versetzen. Wie lernt ein Kind, dass etwas heiß ist? Ganz genau. „Die Jungs meinten zwar, dass ich weg war, aber ich glaube, ich habe alles wach miterlebt. (…) Als ich gemerkt habe, ich kann mich nicht selbst aufraffen, hab’ ich Panik bekommen. (…) Mein Schutzengel war Kusche, unser Mannschaftsarzt in Peiting. Er hat mich vor dem Schlimmsten bewahrt und wusste sofort, was zu tun ist.“
Es muss schnell gehen, die Lage ist ernst. Für Marco geht es direkt nach Murnau, was rückblickend erstmal sein neues Zuhause werden sollte. „Du bist auf einmal in der Notaufnahme. Es blinkt alles, Leute schreien rum. (…) Da bist du erst mal allein und fühlst dich sehr klein. (…) Du realisierst am Anfang nicht, wie groß das Ausmaß ist, aber du siehst die Panik um dich herum, die dir viel Angst macht.“
Versetzt euch mal in euer eigenes 21-jähriges Ich zurück. Wie oben erwähnt, habe ich es in der Vorbereitung hierauf mehrfach versucht. Ich sag´s euch ganz ehrlich, ich musste sogar dieses folgenlose Gedankenexperiment abbrechen. Marco konnte das nicht, für ihn wurde es zum Alltag. „Es waren viele Momente, in denen ich hart und stark sein wollte, in denen ich ‚Geht schon, alles gut‘ gesagt habe, aber das war natürlich nicht so. Es war auch ‚Wieso ich? Was habe ich getan? Womit habe ich das verdient?‘. Es ist wichtig, dass man sich dann jemandem anvertraut und eine Therapie macht. Ich glaube, das ist ohnehin für alle wichtig, wenn es ihnen einfach nicht gut geht.“
Es ist schon seltsam. Wir vergessen neben all der Kritik an Politik und Wirtschaft, welch ein Glück wir auch haben, in einem Land zu leben, in dem die medizinische Hilfe und Versorgung nach einem solchen Schicksalsschlag möglich ist. Mir steht an diesem Sonntagnachmittag ein junger Mann im sonnigen Augsburg gegenüber, dem das Leben, wie er es kannte, zurückgegeben werden konnte. Wenngleich auch mit dem Preis körperlicher und seelischer Narben. „Der größte Kampf war gegen den eigenen Körper und Kopf. Es hat sich schon wie Verrat angefühlt, das Vertrauen zu meinem eigenen Körper war weg. (…) Du lernst natürlich, damit umzugehen, aber es bleibt Angst vor einfachen Dingen. (…) Ich habe Schmerzen im Nackenbereich, die mir nach jedem Aufwachen direkt sagen, dass es nicht mehr wie früher ist. (…) Ich achte mehr auf Kleinigkeiten. Die Wasserflasche selbst aufdrehen können – war ein großer Schlüsselmoment. (…) Man schätzt wieder mehr wert, frei zu sein, Entscheidungen über sich selbst treffen zu können.“
Was mir in unserem Gespräch besonders gut gefällt, ist, wie geerdet, geborgen und selbstreflektiert der heute 22-Jährige ist. Zum Interview wünscht er sich seine Partnerin an die Seite. Immer wieder betont er die Bedeutung und Unterstützung seiner Familie und Freunde. Er baut auf seinen persönlichen Kreis und zieht die Kraft aus diesem. „Ich konnte es gar nicht glauben, als mein Dad gesagt hat, dass er mich heimholen darf. Als er mit meiner Schwester gekommen ist und ich meine Mama dann einfach so zu Hause sehen konnte, das war unbeschreiblich.“
Die Eisbären Berlin wurden vor knapp fünf Monaten Meister. Das fühlt sich wie eine kleine Ewigkeit an und ist noch nicht mal die Aufenthaltsdauer, die Marco in Murnau verharren musste. Kann man so etwas wirklich durchleben und als der herauskommen, der man davor war? „Ich glaube schon, dass ich immer noch der gleiche Marco bin. Mir war immer wichtig, dass es den Menschen um mich herum gut geht, so ist es auch heute noch. (…) Klar, ich habe andere Ansichten als davor, bin bedachter. Aber ich war schon immer positiv, das bleibe ich auch. (…) Ich darf meine Zukunft selbst gestalten, dafür bin ich sehr dankbar.“
Ich muss zugeben, ich habe mit mir gehadert, ob es zu früh für dieses Gespräch sein könnte. Wir gehören zur oft kritisch gesehenen Gruppe der Medien und ich kenne die Art und Weise, mit der unsere Mitstreiter zum Teil arbeiten. Ich hätte eine Absage auf unsere Anfrage voll und ganz verstanden. Marco nimmt mir mit seiner Offenheit aber schon in den ersten Minuten diese Bedenken und überrascht mich – vielleicht erlebe ich das zum Ersten Mal - mit seiner Wahrnehmung der Berichterstattung: „Die Öffentlichkeit war schon viel, für mich aber überwiegend positiv. Mein größter Eindruck war Hoffnung von allen Seiten, dass es bei mir bergauf geht. (…) Das Gefühl damals beim Heimspiel gegen Düsseldorf, als ich erstmals wieder alle gesehen habe und sie auch mich gesehen haben. Davon träume ich heute noch.“
Genug der Aufarbeitung. Ich habe dieses Interview mit einem bemerkenswerten Zitat begonnen, aber es erzählt nur die halbe Wahrheit. Marco hat sich seine Liebe zum Eishockeysport nicht nehmen lassen. Aber diese Liebe verlangt bis heute Arbeit. „Es fällt mir schwer, wieder nah an das Eishockey zu kommen. Ich war vereinzelt wieder bei Spielen, aber es tut weh, das nicht mehr selbst tun zu können. (…) Ich arbeite daran, das wieder mit Positivem verknüpfen zu können. (…) Mir fehlt vor allem dieses Teamgefühl.“
Verständlich. Wir erleben Schiedsrichterdiskussionen am Fließband und bewerten diese fast immer aus neutraler Sicht – stellen das sogar vor jeder ausgesprochenen Meinung nochmal heraus. Ich brenne darauf, zu erfahren, was ein einst unnötig hart gefoulter Spieler dazu sagt. Ist unser Strafmaß zu lasch? „Die Strafen und Sperren sind nicht fair. (…) War es absichtlich oder ein Versehen? Das sollte eine größere Rolle spielen. (…) Es bringt mir jetzt natürlich nichts, wenn man den anderen Spieler damals anders bestraft hätte, aber vielleicht schreckt es ab, das nächste Mal ein Schicksal wie meines zu verursachen.“
Unser gemeinsamer Weg durch das Curt-Frenzel-Stadion führt uns von der Tribüne zur Auswechselbank, in den Nachwuchstrakt und schließlich über die Strafbank an die Pommesbude. Ich verabschiede mich mit einer Erkenntnis, die ich so nicht kommen sah. Zu Beginn unserer kleinen Reise durch Marcos Vergangenheit verspürte ich vor allem Mitleid. 90 Minuten später schäme ich mich schon fast dafür und weiß gar nicht mehr, warum ich so dachte.
Lebensfreude, Optimismus und kein trauriger Blick zurück.
Ich bin mir sicher, wir werden Marco noch oft wiedersehen, vermutlich sogar in diesem Sport und das ist richtig so. Vielleicht wird das nicht heute und morgen sein, doch eine solch inspirierende Persönlichkeit bringt exakt den Optimismus in unsere Reihen, der unseren Sport schon immer ausmacht. „Ich hoffe, in fünf Jahren sitze ich mit meiner eigenen kleinen Familie, natürlich hier in Bayern, genieße das Leben und unterstütze meine Kinder bei ihren ersten Schritten auf dem Eis – das will ich auf jeden Fall tun.“
Uff!
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Erik Pannach





