Deep Dive: Aaron Frieß!

Wenn der Geruch von Schinkennudeln aus dem halboffenen Eisstadion in den dunklen Sahnpark dampft und dazu rund 4.000 Fans einer 19.000 Einwohner-Stadt einem DEL2-Spiel beiwohnen, setzt sich unbeschreibliche Eishockeyromantik frei. Die nächste Ausgabe unserer Deep-Dive-Reihe führt uns ins eishockeyverrückte Crimmitschau und selbst wenn die Einheimischen das nur selten selbst sagen, it´s a real Hockeytown. 

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(Foto: Michael Pointvogel)

Die erste Nachricht nach der Ankunft unseres Fotografen: „Ich mag den Vibe“. Klar mag er ihn. Dieser aus rotem Stahl in den Wald gehämmerte Tempel erzählt über jede Schraube seiner charmant in die Jahre gekommenen Dachkonstruktion fesselnde Geschichten. Um die Verbreitung dieser Geschichten kümmert sich Aaron Frieß und das auf eine Art und Weise, die uns dazu bewegt hat, ihn in diese Rubrik der Eishockey-Persönlichkeiten mit aufzunehmen. Aber, war das der beste Tag für ein Interview? 

Nein. Die Lausitzer Füchse werden im Verlauf des Abends die Sommerpause der Eispiraten einläuten und dass – zumindest aus Sicht einiger – durch ein „Skandälchen“. Sieht das auch der 28-jährige so? „Ich denke, dass wir nicht unverdient ausgeschieden sind. Die Art und Weise beschäftigt mich aber immer noch. Ich glaube das unsere Geschichte noch nicht auserzählt war.“ Meiner Meinung nach eine vertretbare Sichtweise. „Die letzten Wochen waren mental sehr hart.“ Ich verfolge das Geschehen um die Eispiraten aufmerksam, immerhin habe ich fast ein Jahrzehnt meine Schlittschuhe dort geschnürt. Was Aaron hier besonders wehtut, wiegt mich in ruhiges Fahrwasser. Es ist schön, dass die Emotionen wieder rein sportlicher Natur entspringen.

Vielleicht fühlt sich dieser Deep Dive bis hierhin etwas rustikal, ein Stück weit in Tradition getränkt an. Das ist was icherreichen wollte, aber nicht Aarons Weg hierher. Der ist die Hauptfigur dieser Zeilen, weil er die Zukunft verstanden hat und gestalten will. „Der perfekte Kanal eines Eishockeyteams ist mehr als ein Newsfeed. Es geht um Entertainment, Storytelling, die Identität – emotionale Bindung“. Well done! Die Eispiraten holten im vergangenen Jahr Platz eins unseres Social-Media-Rankings, was übrigens auch durch eine öffentliche Umfrage auf unseren Netzwerken entschieden wurde. „Die Kanäle der Eispiraten sind mein Baby. Die Arbeit bei den Eispiraten ist meine Lebensaufgabe (…) Es geht auch darum sich von den anderen Teams abzuheben und sich zu fragen, was würde mich denn interessieren? Die digitale Entwicklung und Transparenz bringen uns Zuschauer in der realen Welt“. Ich sag es mal geradeheraus und möchte das mit folgender Aussage von Frieß noch abrunden: „Die Spieler sind Menschen, als die ich sie auch abbilden will“. Hätten alle Medienschaffenden in diesem Sport diese Einstellung, gepaart mit seinem Tatendrang, hätte das Eishockey die Frage nach Platz zwei hinter König Fussball längst ad acta gelegt. 

Obwohl wir beim Eisblog mit den gleichen Zielen jonglieren, ist Aaron der erste Pressesprecher eines Teams gewesen, der regelmäßig und öffentlich versucht hat mit uns interagieren. Manchmal etwas frech, hier und da on Point, zu jedem Zeitpunkt respektvoll. Wieso tut er das? Wo ist seine Angst vorm bösen Eisblog-Wolf und seinen Gerüchten? „Ich glaube man sieht heute wie sehr das deutsche Eishockey ein Medium wie den Eisblog gebraucht hat, um zu wachsen. Am Ende muss man das große Ganzesehen. Als Fan ist man durch den Eisblog Teil einer großen Community. Die Gerüchte sind natürlich so ein Thema. Der Fussball lebt das schon lang so, der Eishockeysport muss das noch lernen. Manchmal bin ich auch sauer, wenn ihr mir zuvorkommt, aber it´s part of the job. Das musst du halt hinnehmen oder du versuchst mal zu kontern“.  Ich bin geneigt zu vergessen, dass um mich herum eine Menge Menschen in Ruhe ihren Kaffee genießen wollen und zu applaudieren. Ja, verdammt nochmal. Wir alle wollen doch nur das eine und das ist, die Bühne dieses Sports weiter wachsen zu lassen. 

Aaron war 18 Jahre alt, als er 2018 seine berufliche Reise mit den Eispiraten begann „Jörg Buschmann hat mir damals die Tür geöffnet. Ich stand da mit meinen 20 Jahren allein da und er meinte einfach „ich glaub an dich, du rockst das“. Er ist ein Mentor für mich, ein Stück weit vielleicht sogar Familie“ und er durchlebte in den letzten 18 Monaten die vielleicht schwerste Zeit seines Lebens. „Ich werde den 15.April 2025 nie vergessen. Da waren wir eigentlich schon Tod. Es war die Angst da, dass einem der Lebensinhalt weggenommen wird. Die Eispiraten sind der erste Gedanke, wenn ich wach werde und der Letzte vor dem Schlafen. (…) Du konntest ja nichts planen. Keine Verträge mit Spielern, Partnern, einfach nichts.“ Toughe Zeiten, in denen er sich vor allem von seinen Freunden Kraft holt „Claudi, Max und Steffi sind meine besten Freunde und Leidensgenossen. Die kennen mich, fangen mich auf oder bremsen mich mal ein.“

Für den Moment sieht alles nach einem vergleichsweise ruhigen Sommer in der Organisation der Eispiraten aus und das gibt Platz für ein persönliches Resümee. Wer macht die Medienarbeit der Eispiraten in 10, 20 oder gar 30 Jahren. „Never say never, aber Stand jetzt gehe ich vom Rentenvertrag in Crimmitschau aus. Ich weiß, was ich hier habe und das ist manchmal mehr wert als ein Euro mehr zu verdienen. Loyalität ist mehr als ein Wort und ich will erstmal zurückzahlen, was mir hier für eine Chance gegeben wurde.“ Ob es trotzdem Aufgaben gibt, die ihn reizen würden? „Ich würde gern mal einen Tag mit einem Kollegen aus der NHL tauschen. Wie groß ist dort das Medienaufkommen, mit was werden die konfrontiert? Aber wirklich nur ein Tag, dann will ich zurück in mein Crimmitschau.“ 

Henry Ford sagte einst „wer immer tut, was er schon kann. Wird immer bleiben, was er schon ist.“ Es ist nicht einfach so viel sportliche, aber auch regionale Tradition auf eine digitale Sprache zu übersetzen und ungefiltert für schnelllebiges Online-Publikum aufzubereiten. Ja, da nimmt der sympathische Crimmitschauer eine Vorreiterrolle ein, entscheidet sich bewusst für Dinge, die Kollegen von ihm „zu heiß“ sind. Das setzt sich durch und tut ihm, dem Club, der Liga, ein Stück weit sogar Eishockeydeutschland gut. 
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Erik Pannach